Aktionen, Aktionen, Aktionen – Die Straße gehört uns!

Tag 6 der Gipfelproteste war ein großartiges Ereignis voller Aktionen, die wir unmöglich vollständig wiedergeben können, und schon das ist die gute Nachricht Nummer eins: Das prophezeite „Festival der Demokratie“ wird eindeutig nicht von den grauen Herren der G20, des Senats und der Polizeiführung zelebriert, sondern findet seine Auferstehung auf den Straßen Hamburgs durch den vielfältigen Widerstand der Protestierenden aus aller Welt. Wir haben die Straße zurückerobert und wir setzen die Themen. Die einfallslose Abschreckungspolitik von Zero Tolerance hat versagt, die Drohkulisse wirkt nicht mehr. The People of Seattle and Genoa is back. Die Armada von Polizei und Sondereinheiten schüchtert uns nicht mehr ein. Wir sind auf der Straße und werden uns dort die nächsten Tage nicht mehr verdrängen lassen.

Unser kleiner Ausschnitt aus dem Kaleidoskop des widerständigen Tages 6 der Freien Oase Gängeviertel beginnt mit der Performance von 1000 Gestalten vor dem Chilehaus: Ein halbes Jahr Vorbereitung kulminierte hier in einer beeindruckenden Performance, die für immer eins der zentralen Gegenbilder zum G20 in Hamburg auf die Netzhaut gebrannt hat. 600 graue, beladene, sich mühsam durch die Straßen schleppende Gestalten wurden durch einen widerborstigen Aufschrei aus ihrer Lethargie erweckt und entledigten sich in einem kollektiven Akt der Befreiung ihrer Verkrustungen. Ein starkes Bild und eine Inspiration für die nächsten Tage. So sieht das jedenfalls Rita Kohel aus der Performance-Crew, die betont: „Ich bin megaerleichtert und glücklich, dass es so gut gelaufen ist. Aber es ist noch nicht vorbei, es geht ja weiter!“

aufschrei

In einem Jugendtalk in der Fabrique im Gängeviertel tauschten sich derweil Aktivist*innen aus Griechenland, Brasilien, Spanien und Deutschland über ihre jeweiligen Projekte aus, redeten über ihre verschiedenen Praxen, ihre Politisierung und zu realisierenden Wünsche. Globalisierung von unten. Der Talk wurde live vom FSK übertragen. Am Abend sprach Doro Wiese am selben Ort über den Zusammenhang von Kunst und Politik. Und im MOM Art Space ist noch bis Samstag die – u.a. von der Kulturbehörde unterstützte – Kollektivausstellung AMPHITHEATREFFKNOTEN zu sehen, die im Kontext des G20 eine Antwort auf „auf diese aufgezwungene Nähe“ zu finden sucht. Zugleich reflektiert die Ausstellung, wie die Gängeviertel-Künstlerin Dagmar Rauwald erläutert, den „Widerspruch zwischen Kunst, die als gesellschaftlich relevante Arbeit immer auch Opposition ist, und finanzieller Abhängigkeit von den Strukturen, die sie eigentlich kritisiert“.

MOM

Am Abend wurde schließlich in einem Live-Screening eine Veranstaltung von „Lesen ohne Atomstrom“ in der Laeiszhalle im Gängeviertel übertragen. Ein einzigartiges Ensemble – u.a. Auma Obama, Vandana Shiva, Renan Demirkan, Urban Priol, Günter Wallraff, Thomas Thieme, Mathieu Carrière, Konstantin Wecker und Ewald Lienen – las dort das Manifest „Empört euch!“ des französischen Résistance-Kämpfers Stéphane Hessel und lieferte damit die passende Parole für die kommenden Tage, die laut Mitorganisator Oliver Ness auf „allen Bühnen und Straßen“ Gestalt annehmen soll. Besonders beeindruckend war das Statement von Haidi Giuliani, deren Sohn Carlo beim G8-Treffen 2001 in Genua mit einem Kopfschuss von der Polizei getötet wurde. Damals war die Polizei gegen 300.000 protestierende Menschen brutal vorgegangen, Tausende wurden verletzt, Hunderte in Polizeigewahrsam gefoltert, 18 Mal schoss die Polizei scharf. G20 in eine Metropole wie Hamburg zu holen sei nach den Ereignissen von Genua unverantwortlich und eine „reine Machtdemonstration“, appellierte die Mutter in einem Offenen Brief an Bürgermeister Olaf Scholz. Eine Antwort hat sie bis heute nicht erhalten.

Dieser wundervolle Tag, der die Herzen höher schlagen lässt und allein dem Widerstand gehörte, kulminierte in der Nacht in dem Rave „G20 wegbassen“ von ALLESALLEN. Dazu morgen mehr in unserem nächsten Blogbericht. Nur so viel vorweg: Es war gigantisch!

rave

Freie Oase Gängeviertel, Tag 6, 5. Juli 2017

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