Alles Allen!

Seifenblasen fliegen durch den tiefliegenden Rauch der Nebelmaschinen, dahinter erahnt man am Heck des ersten Wagens die schwarze Diskokugel und den großen, goldenen Schriftzug: „Alles Allen!“ In der Kurve am Ende der Hafenstraße könnte der Kontrast kaum schärfer sein. Auf der einen Seite die tanzende, feiernde Masse eingedeckt mit Konfetti und Glitzer, mit goldenen Fahnen und bunten Kostümen, auf der anderen eine lange Reihe dunkelblauer Fahrzeuge der Bundespolizei, uniform in Reih und Glied, in denen man hinter den abgetönten Scheiben schemenhaft die Einsatzkräfte erkennen kann.

Was am heutigen Tag passieren wird, ist zu diesem Moment noch völlig unklar. Es scheint eigentlich unvorstellbar, dass es zu Auseinandersetzungen mit dieser fröhlich feiernden Menge kommen könnte, auf der anderen Seite hat offenkundige Friedlichkeit auch das Massen-Cornern gestern nicht vor Schlägen, Pfefferspray und Wasserwerfer-Einsatz geschützt. Als allerdings die Demospitze mit dem ersten von 12 Techno-Trucks das Heiligengeistfeld erreicht, wird klar, wie der Tag verlaufen wird. Als die Nachricht verkündet wird, dass der letzte Lauti noch nicht mal in die Reeperbahn eingebogen ist, bricht Jubel aus. 25.000 – 30.000 Menschen sind dem Aufruf zum „G20 wegbassen“ gefolgt.

Wir sind viele, sehr viele und wir haben die Stadt auf unserer Seite. Die Repressalien der letzten Tage gegen Camps und Übernachtungsgäste wurden von einem beispiellosen Aufstand der Zivilgesellschaft ausgehebelt – vom Schauspielhaus und dem FC St. Pauli, die ihre Tore geöffnet haben, von Kirchen, die Camps auf ihren Grundstücken dulden und von Tausenden Hamburgern, die ihre Wohnungen für unsere internationalen Gäste geöffnet haben. Wo Senat und Polizei gerade noch das Bild einer repressiven Polizeistadt gezeichnet haben, in der selbst Schlafen und Essen unter Strafe stehen, zeigt sich nun die Vision der so oft beschworenen liberalen Großstadt, die nicht nur Despoten und Autokraten offensteht, sondern auch Raum für Menschen hat, die sich für eine bessere Welt einsetzen. Die Menschen der Stadt trotzen der Angstkampagne, mit der Polizei und Politik seit Wochen die öffentliche Meinung bearbeiten.

Ausgelassen zieht der Rave durch die Stadt, passiert den Punkt wo noch vor 24 Stunden Wasserwerfer gegen friedlich cornernde Menschen eingesetzt wurden und wird an der Roten Flora mit Nebel und Pyrotechnik begrüßt. Als die Parade schließlich ihren Endpunkt an der Oase erreicht, ist die Stimmung am Kochen. Vom Dach des Gängeviertels wird die Parade mit gigantischen Glitzerwürfeln mit dem Slogan „Alles Allen“ begrüßt, dem Motto des heutigen Tages. Tausende tanzen zu wummernden Bässen auf der Straße und strömen ins Viertel. Die Gänsehaut, die einem in dieser Situation über den Rücken kriecht, ist ein Symptom des vagen Gefühls, dass eine andere Welt vielleicht tatsächlich möglich ist.

Freie Oase Gängeviertel, 6. Juli 2017

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